Verein zur Hilfe seelisch Erkrankter im Emsland e.V.

30 Jahre Lotse e.V. - stationäres Wohnen


von Jürgen Eden

Krisen begegnen, stabilisieren und individuelle Ziele setzen

Lotse ermöglicht Teilhabe für seelisch Erkrankte durch stationäres Wohnen

Wenn die Seele krank wird, gerät das Leben aus dem Lot. Manchmal so stark, dass eine Balance ohne Hilfe nicht gefunden werden kann.

Diese Hilfe gibt seit 30 Jahren der Verein zur Hilfe seelisch erkrankter im Emsland (Lotse).

Mit dem sozialraumnah ausgerichteten stationären Wohnbereich in Meppen und Papenburg gibt der Verein Lotse e. V. Menschen mit seelischen Erkrankungen die Möglichkeit, ein so eigenständiges und selbstbestimmtes Leben wie möglich zu führen. Stationär bedeutet vor allem eine hohe Intensität in der Betreuung: so sind rund um die Uhr Fachkräfte für die Bewohner da.

Heute geben wir Einblicke in einen stationären Wohnbereich:

Ich klingele, ein Mann mittleren Alters öffnet die Tür. Er lächelt und heißt mich herzlich willkommen. In der Küche und im Esszimmer herrscht geschäftiges Treiben. Denn die Vorbereitungen für das Abendbrot laufen. Gemeinsam mit der Hauswirtschafterin Frau Hanenkamp wird der Tisch eingedeckt. Alle nehmen Platz. Tee und Kaffee werden eingeschenkt. Einige Medikamentendosierer liegen bei den Tischgästen. Beim Belegen der Brötchen und Brote mit Wurst, Käse oder Marmelade läßt man den Tag Revue passieren. „Diese familienähnliche Struktur ist Teil der Hilfe, denn es soll das Sozialverhalten trainiert werden“, erklärt Katja Wilken, die für die Meppener Wohngruppen verantwortlich ist. Nach ihren Worten leben dort Erwachsene, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung nicht mehr oder noch nicht eigenständig leben können.

Einer von ihnen ist Jannik, der in einer der drei achtköpfigen Gruppen lebt. Er erzählt, dass er seit vier Jahren in dem Haus lebt und Fortschritte macht. Derzeit erprobt sich der 22-jährige mit dem Berufseinstieg in einer Meppener Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Dort sortiert er Holzdübel und verpackt sie. „Die Arbeit ist zwar manchmal etwas eintönig, aber Hauptsache ich komme mal raus“, so der junge Mann. Auch das ist Teil des Konzeptes: Immer dort wo es die Erkrankung zulässt, wird die Teilhabe durch Arbeit im zweiten Lebensbereich ermöglicht.

Am Tisch sitzen auch Kevin der schon als Energieanlagen- und Gebäudeelektroniker arbeitete oder der Hotelkaufmann Marco. Christian, 31 Jahre jung, hat bereits fünf Semester Theologie sowie Geschichte studiert. „Hatten Sie schon mal mit psychisch Erkrankten zu tun?“, will Kevin wissen. Ich muss einen kleinen Moment überlegen: „Nein, so direkt nicht“, antworte ich. Dabei kommen wir ins Gespräch. Einige berichten auf Nachfrage über ihre diagnostizierten Krankheiten. Von Psychosen, also die Realität verzerrt wahrzunehmen, von paranoider Schizophrenie mit Wahnvorstellungen sowie bipolaren Störungen mit extremen Stimmungsschwankungen berichten sie. „Unser Ziel ist es zu stabilisieren und durch eine individuelle Planung persönliche Ziele zu ermöglichen“, so Frau Wilken weiter. Marco erzählt, dass er schon neun Jahre hier lebt und vor zwei Wochen ein „Willkommensschild“ an die Tür eines neuen Bewohners angebracht hat. „Das ist sehr wichtig, dass sich hier jeder von Anfang an wohlfühlt“ erklärt Frau Wilken.

Einer der „Neuen“ ist der 24-jährige Timo. In den ersten vier Wochen soll er nicht nach Hause gehen. Denn das Durchbrechen alter Gewohnheiten ist wichtig. Das beginnt schon mit der Schaffung einer Tagesstruktur durch die Gestaltung und Teilnahme an Mahlzeiten. Denn nicht jeder ist ohne Hilfe in der Lage, aufgrund seiner Erkrankung eine eigenständige Versorgung vorzunehmen, weil es krankheitsbedingt am nötigen Antrieb fehlt. Die schrittweise Übernahme von Verantwortung soll helfen, nach und nach zu mehr Eigenständigkeit zu gelangen. So hilft Marco beispielsweise oft beim Einkauf und der Bereitstellung von Lebensmitteln für die Hauptmahlzeiten. Gemeinsam wird auch gekocht. Kevin ist Wäschebeauftragter. Er betätigt die Waschmaschine, legt die Wäsche zusammen und bügelt.

Im Keller des Hauses besteht die Möglichkeit an der Kunsttherapie teilzunehmen. „Kunst ist eine sehr gute Ausdrucksform um beispielsweise Stimmungen zu spiegeln“, so Frau Wilken. Teilhabe steht auch innerhalb der Hausgemeinschaft hoch im Kurs. So finden regelmäßig Hauskonferenzen statt, wo beispielsweise die Planung von Ferienfreizeiten vorgenommen wird, aber auch Dinge des täglichen Zusammenlebens besprochen werden. Alles wird protokolliert. Doch wie stellen sich die Aussichten für die Bewohner dar? Einige schaffen den Wechsel ins Betreute Wohnen und die Vermittlung in einen Job mit eigener Wohnung. Doch oft bedarf es kleiner Schritte, dessen Ziel es auch sein kann, innerhalb des Hauses ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben mit entsprechender Hilfe zu führen.

Zur Sache: Der Verein Lotse e.V. bietet in Meppen und in Papenburg sozialraumnahe stationäre Wohngruppen für Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen an. Um die eigenständige Lebensführung zu fördern, gibt es zudem in Meppen, Lingen und Papenburg die Möglichkeit, im Ambulant betreuten Wohnen in der eigenen Wohnung unterstützt zu werden.