Verein zur Hilfe seelisch Erkrankter im Emsland e.V.

30 Jahre Lotse e.V. - Interview mit Frau Becker


von Jürgen Eden

Frau Becker, Geschäftsführerin des Lotse e.V., im Interview zum Thema BTHG und psychischer Erkrankung in der heutigen Gesellschaft

Frage: Frau Becker, der Verein Lotse blickt auf inzwischen drei Jahrzehnte seiner Geschichte zurück. Sie sind als Geschäftsführerin im Verein tätig. Wann haben Sie diese Aufgabe übernommen und wie war der Einstieg in dieses Arbeitsfeld?

Becker: Ich habe meine Tätigkeit vor knapp fünf Jahren aufgenommen. Davor war ich fast 30 Jahre in einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung tätig. Eine erste Erkenntnis war, dass Menschen mit psychischer Erkrankung andere Arten von Unterstützung brauchen und völlig andere Lebensverläufe haben. Und es gibt eine andere Kultur des gesellschaftlichen Umgangs mit psychischer Erkrankung  

Frage: Die Kultur des Umgangs, das ist doch ein gutes Stichwort. Was sind die Unterschiede in den beiden genannten Feldern?

Becker: Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Menschen mit geistiger Behinderung gesellschaftlich heute mehr Sympathie und zumindest Akzeptanz erfahren. Ein positives Beispiel für die Akzeptanz sind Menschen mit der Trisomie-21-Erkrankung, dem sogenannten Down-Syndrom. Sie gelten oft als sehr charmant und besonders liebenswert. Da schaut man auch mal über Auffälligkeiten hinweg, z. B. sehr lautes sprechen. Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen hingegen stellt sich die Situation oft vollkommen anders dar. Eine psychische Erkrankung sieht man nicht. Betroffene haben viele Brüche in ihren Lebensläufen hinnehmen müssen, sie sind nicht mit der Erkrankung geboren. Viele sind plötzlich mitten in ihrem Leben, während der Ausbildung, im Studium, im Beruf, in der Partnerschaft konfrontiert mit der psychischen Erkrankung. Eine Ursache ist nicht immer zu erkennen und auch, wenn die Krankheit selbst diagnostiziert wurde, bedeutet das nicht automatisch, dass sie schnell heilbar ist. Mit den Veränderungen und Konflikten in der Familie, dem Freundeskreis und im Beruf muss man erstmal leben lernen.

Frage: Die Ursachen für psychische Erkrankungen sind nicht abschließend wissenschaftlich erforscht. Diese dürften jedoch vielschichtig sein, einerseits vielleicht manchmal genetisch bedingt, andererseits auch aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen. Was sind Ihre Erfahrungen?

Becker: „Vielschichtige Ursachen“ beschreibt die Situation sehr gut. Es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse, dass es sogenannte genetische Vorbedingungen für einige psychische Erkrankungen gibt. Das allein bedeutet aber nicht, dass eine solche Erkrankung immer ausbricht oder vererbt wird. Aber die Anfälligkeit für die psychische Erkrankung kann dadurch höher sein. Natürlich gibt es auch viele Faktoren von außen. Alle stark belastenden Ereignisse wie beispielsweise der Verlust nahestehender Menschen, ein schwerer Unfall, sexueller Missbrauch oder andere Gewalterfahrungen können Traumata auslösen. Psychische Erkrankungen können auch durch Suchtmittel wie Drogen, Medikamente und Alkohol ausgelöst werden. Besonders in den letzten Jahren nehmen die durch Drogen ausgelösten Erkrankungen deutlich zu. Das hat natürlich damit zu tun, dass der Drogenkonsum allgemein deutlich zunimmt und immer neue synthetische Drogen auf den Markt kommen.

Zweifelsfrei ist es nicht immer möglich, den Auslöser der psychischen Erkrankung zu benennen. Wer von einer psychischen Erkrankung betroffen ist, muss oft damit leben keine Antwort auf die Frage „Warum hat mich das getroffen?“ zu erhalten.

Frage: Wie reagiert die Gesellschaft, also auch wir als Mitmenschen, auf psychisch erkrankte Personen?

Becker: Die psychische Erkrankung sieht man der Person nicht an, aber es gibt auffällige Symptome. Ich nenne mal das klassische Beispiel von einem an einer Depression erkrankten Menschen. Von außen sieht man nichts. Auffällig ist aber die fehlende Lebensfreude, dauernde Müdigkeit, innerliche Leere, vielleicht auch Rückzug aus dem Freundeskreis. „Jetzt komm einfach mal raus aus deinem Schneckenhaus, schau nicht so traurig und geh mal wieder richtig feiern“ ist ein oft gut gemeinter Rat von Familie und Bekannten. Es ist kein böser Wille, wenn hier Unbeteiligte den Eindruck erwecken, dass Erkrankte es ausschließlich selbst in der Hand hätten, ihre Situation zu verändern. Die Realität von psychisch Erkrankten ist anders. Eine schwere Depression ist eine Krankheit, die Menschen ans Bett fesseln kann, wie es auch eine schwere körperliche Erkrankung vermag. Für Menschen mit schizophrenen Störungen, die Stimmen hören, sind diese Stimmen ganz real, sie können sie nicht einfach „abstellen“. So entstehen Situationen, die Mitmenschen verwirren. Man möge sich vorstellen, man steht im Laden an der Kasse und der Kunde davor wird plötzlich nervös, dreht sich dauernd um und redet scheinbar mit sich selbst oder lacht laut. Das ist zunächst befremdlich und verwirrend. Wir können damit schlecht umgehen, weil sich jemand anders als üblich verhält. Andere psychisch Erkrankte erleben eine Art Glaubenswahn und wollen Menschen im Umfeld z. B. davon überzeugen, dass ein großes Unheil nur durch bestimmte Tätigkeiten abzuwenden sei. In diesem Moment ist dies für den Betroffenen real.

Manchmal ist die Grenze zwischen einem „kleinen Tic“, den jeder von uns hat und einer psychischen Erkrankung auch fließend. Jeder von uns hat sich schon mal beim Verlassen des Hauses gefragt, ob auch die Hintertür abgeschlossen und der Herd wirklich ausgestellt ist. Bei psychisch Erkrankten kann sich daraus ein solch starker Zwang entwickeln, dass sie das Haus nicht mehr verlassen. Sobald sie vor die Tür treten, wird der Kontrollzwang so groß, dass sie immer und immer wieder nachschauen müssen.

Frage: Vor dem Hintergrund der Inklusion stellt sich natürlich für Unbeteiligte die Frage, wie geht man mit derartigen Situationen um? Sollte man eingreifen?

Becker: Es geht immer um einen authentischen Umgang. Nicht jeder, der sich nach unserer Ansicht merkwürdig verhält, ist psychisch krank. Wer angesprochen wird, darf und sollte auch eine Antwort geben. Und man darf auch ehrlich sein. Wenn ein Stimmenhörer fragt, „Hören Sie das denn nicht?“, dann sollte man auch die tatsächliche Situation spiegeln. Wenn jemand sich verfolgt fühlt und um Hilfe bittet, dann sollte man fragen, wie man helfen kann. Da die Hintergründe nicht bekannt sind, sollte man nicht regulierend sein. Also nicht nach dem Motto: „Jetzt hören sie mal, so geht das nicht…“  Das wäre aus meiner Sicht unangemessen.

Frage: Die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt weiter. Inwieweit spielt der Leistungsdruck in der Arbeitswelt und im privaten Umfeld eine Rolle?

Becker: Der Leistungsdruck hat in der Gesellschaft stark zugenommen und das betrifft auch das private Umfeld. Das nehmen wir alle wahr. Man darf manchmal schon von einer Leistungssklaverei sprechen, wenn beispielsweise junge Menschen in eine Art Hysterie oder Panik verfallen, weil sie nicht genauso aussehen wie ihr Vorbild. Wir stellen fest, dass es beispielsweise immer mehr Heranwachsende mit Magersucht gibt. Bei dieser psychischen Erkrankung spielen soziale Medien eine wesentliche Rolle, die körperliche Idealmaße als Normalität darstellen. Dann will jeder so sein. Mit dem Leistungsdruck geht jeder anders um. Der eine zieht die Notbremse, verändert sein Leben durch einen Berufswechsel oder eine neue Prioritätensetzung im privaten Umfeld. Andere betäuben sich mit Alkohol oder Drogen, wieder andere werden psychisch krank. Ich befürchte, dass es in den kommenden Jahren immer mehr Menschen gibt, die dem Leistungsdruck für eine gewisse Zeit oder auf Dauer nicht standhalten können.

Frage: Werden im Gesundheitssystem die Weichen für die Zunahme von psychischen Erkrankungen richtig gestellt?

Becker. In Deutschland sind wir fokussiert, zu reagieren, wenn die Krankheit da ist. Das ist zu spät. Wir benötigen mehr Prävention. Aber das fällt nicht nur in die Zuständigkeit des Gesundheitssystems. Ganz wichtig sind Kindergärten und Schulen und die Stützung der Familiensysteme. Oder Hilfe bei Mobbing am Arbeitsplatz. Alle Einrichtungen und Maßnahmen, die Familien, Kinder, Jugendliche und Erwachsene in schwierigen Lebenssituationen stützen, sind von Bedeutung. Ich habe da keinen Masterplan, aber wir müssen auf allen Ebenen schauen, was wir positiv verändern können.

Frage: Die vielzitierte Inklusion schließt alle Menschen ein, auch Menschen mit psychischen Erkrankungen. Wird das neue Bundesteilhabegesetz diesem Anspruch gerecht?

Becker: Das BTHG soll bedarfsgerecht helfen und der Betroffene soll eigenständig selbst entscheiden oder sagen können, welche Unterstützung er braucht. Mit dem BTHG sind die Grundlagen dafür richtig gelegt worden. Durch Gesetze allein verbessert sich aber nicht automatisch alles andere auch. Im Fall des BTHG wird es aus meiner Sicht erst einmal komplizierter.  Es kann enorm schwierig sein, selbst zu wissen, welche Unterstützung ich brauche, zu entscheiden, welche davon mir hilft und gegenüber Kranken- oder Pflegekasse Hilfe einzufordern. Neu bedeutet nicht immer besser. Ich vergleiche die neue Situation im BTHG gerne mit der modernen Telekommunikation. Früher gab es zwei oder drei pauschalierte Tarife, zwischen denen ich wählen konnte. Heute kann ich aus einer unübersehbaren Vielfalt wählen und mir meinen „persönlich Tarif“ zusammenstellen. Allerdings braucht manch einer dafür einen Fachmann, um den Tarifdschungel zu verstehen. Ähnlich verhält es sich beim neuen BTHG. Es gibt zwar die unabhängige Teilhabeberatung, doch auch die muss sich erst mit den vielfältigen Instrumenten der Hilfen auseinandersetzen. Das braucht Zeit, die Betroffene oft nicht haben. Sie brauchen schnell eine wirksame Unterstützung, ohne erst einen bürokratischen Dschungel zu durchschreiten.

Frage: Zur Teilhabe gehört neben der Arbeit auch ein angemessener Wohnraum. Es gibt aktuell einen Bauboom. Dennoch sehen sie die Entwicklung kritisch. Warum?

Becker. Ich begrüße den Bauboom grundsätzlich. Es wird aber nahezu ausschließlich hochpreisiger Wohnraum errichtet. Immer problematischer wird es hingegen für Menschen mit niedrigem Einkommen und Renten, Familien mit Kindern und Menschen mit Behinderung, bezahlbaren Wohnraum zu finden. In Großstädten ist das ein seit vielen Jahren bekanntes Problem. Inzwischen ist das auch im Emsland angekommen. Menschen mit niedrigem Einkommen sind auf dem Wohnungsmarkt „schwer vermittelbar“. Viele Senioren haben in einer Zeit Rentenansprüche erworben, in der die Löhne deutlich niedriger waren und eine entsprechend kleine Rente. Menschen mit psychischer Erkrankung sind oftmals nicht arbeitsfähig und genauso betroffen, denn viele sind auf Grundsicherung oder niedrige Renten angewiesen. Wird diese Entwicklung nicht gestoppt, ist zu befürchten, dass am Ende der städtische Wohnraum den Besserverdienenden vorbehalten bleibt. Menschen mit geringerem Einkommen oder Familien mit Kindern, die mehr Platz brauchen, werden abgedrängt in Randgebiete.